Der Wein stand schon auf dem Tisch

Bombennacht in Kassel: Sie hat mit Nobelpreisträger Max Planck im Luftschutzkeller gezittert

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Kinderfoto: Annegret mit ihrem jüngeren Bruder auf dem Balkon der elterlichen Wohnung, die im Krieg zerstört wurde.

Die heute 82-jährige Annegret Bickert hat die Bombennacht im Luftschutzkeller mit einem Nobelpreisträger erlebt. Wie es dazu kam.

Eine Freundin hat ihr das HNA-Buch zur Bombennacht vom 22. Oktober 1943 geschenkt. Da sind bei Annegret Bickert, die schon länger am Bodensee wohnt, die Erinnerungen an ihre Kindheit in Kassel wieder hochgekommen. „Ich glaube, dass auch mein Bruder und ich wichtige Zeitzeugen sind“, hat sie uns geschrieben. Die Bombennacht im Luftschutzkeller haben die Geschwister zusammen mit dem berühmten Physiker Max Planck verbracht. Und das kam so:

Die Familie von Annegret Bickert, geborene Reith, wohnte damals am Skagerrakplatz. Das ist heute der Kreuzungsbereich zwischen der Goethestraße und der Murhardtstraße im Vorderen Westen. Zu den Nachbarn gehörte die Familie von Dr. Max Schirmer, die mit Max Planck verwandt war. Der berühmte Nobelpreisträger hat am 22. Oktober 1943 auf Einladung des Bärenreiter Verlages einen Vortrag in Kassel gehalten.

Ist eine wichtige Zeitzeugin: Annegret Bickert.

Am Abend sollte im Hause Schirmer ein Abendessen mit dem Ehepaar Planck und einigen Freunden stattfinden. Der Wein stand schon auf dem Tisch. Um 20.20 Uhr habe es dann Fliegeralarm gegeben, erinnert sich Annegret Bickert. Sie hat uns auch die Aufzeichnungen ihres zwei Jahre älteren Bruders zukommen lassen. „Meine Mutter rannte mit uns Kindern in den Luftschutzkeller“, ist da zu lesen. „Ein kleiner Raum war das mit primitiver Bestuhlung, sehr voll mit 14 Mietparteien. Schirmers mit Gästen und weitere Nachbarn, die keinen Luftschutzkeller mehr hatten. Der Zufall wollte es, dass ich genau gegenüber von Max Planck saß. Er war fein gekleidet und mit 85 Jahren einer der Ältesten im Luftschutzkeller.“

Über die Bombennacht in Kassel hat auch Max Planck in seinen Memoiren geschrieben: „Nachdem ich in Kassel meinen Vortrag gehalten hatte, brach am Abend ein Höllenspektakel los, das in der folgenden Nacht fast die ganze Stadt in Trümmer legte. Auch das Haus, in dem ich mit meiner Frau bei Verwandten einquartiert war, brannte bis auf den Grund nieder. Wir saßen die ganze Nacht im Luftschutzkeller und können von Glück sagen, dass dieser den Flammen standhielt, und wir schließlich morgens um 4 Uhr durch ein Loch in der Wand zum Nachbarhaus (unser Ausgang war verschüttet) ins Freie gelangen konnten.“

Vortragsraum zerstört

Nicht nur das Ehepaar Planck überlebte so die Bombennacht, sondern auch alle anderen aus dem Luftschutzkeller. Darunter die siebenjährige Annegret und ihr neunjähriger Bruder Helmuth. 

Ebenfalls im Keller: Annegrets Bruder Helmut Reith.

Der berichtet von einem Zufall, der Max Planck damals möglicherweise das Leben gerettet hat. Sein Vortrag sei kurzfristig auf den Nachmittag vorverlegt worden. Abends sei dann der Vortragsraum in der Kasseler Innenstadt im Feuersturm zerstört worden. Max Planck hat seinen Gastgebern damals trotz aller widrigen Umstände eine Widmung geschrieben. „Zur freundlichen Erinnerung an eine Weinstunde am 22. Oktober 1943 vor der Einäscherung der Stadt Kassel durch Fliegerangriffe.“

Trümmer, Tod und Tränen, das HNA-Buch zur Bombennacht, 12,90 Euro, Wartberg Verlag.

Max Plancks Sohn wurde hingerichtet

Der Physiker Max Planck wurde 1858 in Kiel geboren und starb 1947 in Göttingen. 1918 erhielt er den Nobelpreis für Physik. Planck gilt als Begründer der Quantenphysik. Sein Sohn Erwin wurde nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftet und der Mittäterschaft beschuldigt. 

Nobelpreisträger: Max Planck hielt am 22. Oktober 1943 einen Vortrag in Kassel. Foto:  dpa

Obwohl sich Max Planck vehement für seinen Sohn einsetzte, wurde er vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt. Danach versuchte Max Planck, die Umwandlung in eine Zuchthausstrafe zu erreichen. Vergeblich. Der 51-jährige Erwin Planck wurde im Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet. Nach dem Krieg wurde Max Planck zum Ehrenpräsidenten der nach ihm benannten Max-Planck-Gesellschaft ernannt. Er wurde 89 Jahre alt. 

Von Thomas Siemon

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