Fürchterlich und begehrt: Fünf ungewöhnlich Alben

30 Jahre Plattenladen Scheibenbeisser: Hier ist Vinyl besser als Spotify

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Sie arbeiten zwischen geschätzt 80 000 Platten: Dieter Höfker (links) und sein Mitarbeiter Tim Sauer. 

Trotz Streamingdiensten wie Spotify ist die Schallplatte lebendiger denn je. Der Kasseler Laden Scheibenbeisser ist seit 30 Jahren mit Vinyl erfolgreich. Zum Jubiläum zeigt er ungewöhnliche Alben. 

„Das ist ein ganz anders Klangerlebnis. Das geht viel höher und tiefer als bei einer CD.“ Dieter Höfker spricht von Langspielplatten. Der 66-Jährige ist ein echter Kenner des Vinyls. Er hat den größten Plattenladen in Nordhessen. Grob überschlagen 80 000 Scheiben sind beim „Scheibenbeisser“ an der Fünffensterstraße zu finden. Rock’n’ Roll, Jazz, Metal, Independent, die ganzen Oldies und vieles mehr. Am Samstag feiert das Geschäft 30. Geburtstag.

Dass Vinyl-Langspielplatten, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiern, bereits mehrfach für tot erklärt worden sind, kann Höfker nicht nachvollziehen. Schallplatten seien immer nachgefragt worden, auch als plötzlich die CD ab Mitte der 1980er-Jahre zum Höhenflug ansetzte. Ab 2006 seien wieder vermehrt Platten verlangt worden und mittlerweile haben ziemlich viele Musikfans einen Plattenspieler zu Hause stehen.

„Vieles erscheint wieder als LP, einiges sogar nur als Schallplatte“, sagt Höfker. Als Beispiel nennt er die Kölner Band „AnnenMayKantereit“, die das Album „Live in Berlin“ als LP herausgebracht hat. Die CD liegt nur bei. In Berlin sei es sogar mittlerweile wieder angesagt, Kassetten zu hören, erzählt Höfker. Dieser Trend ist in Kassel allerdings noch nicht angekommen.

Der Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Scheibenbeisser begann auf dem Flohmarkt

Den Grundstock für seinen Plattenladen hat Höfker, der aus der Nähe von Münster stammt und nach Kassel gekommen ist, um Sozialpädagogik zu studieren, bereits vor mehr als 30 Jahren gelegt. Damals verkaufte er auf dem Flohmarkt in der Kurhessenhalle (Niederzwehren) gebrauchte Platten. Mit diesem Hobby ließ sich Geld verdienen. Und so entschloss er sich, den Plattenhandel professionell aufzuziehen.

Zunächst in einem 45 Quadratmeter großen Laden im Königstor 1 (heute Teil des Restaurants Pamukkale). Später zog er dann auf 90 Quadratmeter in die benachbarte Friedrichstraße. Hier gab es nicht nur Platten, sondern auch einen CD-Verleih. Eine CD kostete pro Tag eine D-Mark. Die Kunden nahmen sie auf Kassette auf und brachten sie zurück.

Früher verlieh Scheibenbeisser CDs

Seitdem Kassetten (außer offenbar in Berlin) aus der Mode gekommen sind, hat sich Höfker von dem CD-Verleih getrennt. Seit 2002 befindet sich der „Scheibenbeisser“ nun an der Fünffenster Straße. Allerdings werden hier auch noch neue und gebrauchte CD verkauft, neben den vielen Platten.

20 Prozent seiner Kunden sind Stammkunden, erzählt der 66-Jährige. Manche kommen einmal in der Woche, andere einmal im Monat. Das Publikum ist sehr heterogen, zwischen 15 und 70 Jahre alt.

Apropos Alter – nur eine Platte in seinem Laden darf er erst an Kunden ab 18 verkaufen. Und zwar das 1987 erschienene Mini-Album der Ärzte mit dem Titel „Ab 18“. Das steht tatsächlich immer noch auf dem Index. Wegen des Titels „Geschwisterliebe“. „Claudia hat ‘nen Schäferhund“ ist mittlerweile nicht mehr indiziert. Dieses Ärzte-Album (original) werde für 40 bis 50 Euro gehandelt.

Für manche Platten werden ganz unterschiedliche Preise verlangt. Das Album „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ (1967) der „Beatles“ kostet im original Odeon-Label beim „Scheibenbeisser“ 99 Euro. Ein Nachdruck ist für 24 Euro (neu) zu haben, ein gebrauchter für 15 Euro.

Die gebrauchten Platten bekommt Höfker bei Haushaltsauflösungen oder kauft sie von Erben, die mit der Plattensammlung ihrer Vorfahren nichts anfangen können. Und was ist mit Kratzern?

„Alte gebrauchte Platten ohne Kratzer gibt es nicht“, sagt Höfkers Mitarbeiter Tim Sauer. „Wichtig ist nur, dass man die Kratzer nicht hört. Viele Platten, die sehr verkratzt aussehen, hören sich gut an.“ Dass Langspielplatten wieder so angesagt sind, habe auch mit Psychologie zu tun. „Man hört anders als bei Downloads. Man muss sich konzentrieren. Man hört eine ganze Seite durch.“

Zu den Kunden des „Scheibenbeissers“ gehören auch Musiker, wie zum Beispiel die Kasseler Band „Milky Chance“. „Die lassen sich bei uns inspirieren“, sagt Sauer.

Der Geburtstag wird am Samstag, 10. November, in der Fünffensterstraße 6 mit Prosecco und Saft, einer großen Verschenk-Aktion und Sonderrabatten auf gebrauchte Schallplatten gefeiert.

Fürchterlich: Brian Jones

Als „musikalisch fürchterlich“ bezeichnet Dieter Höfker das 1971 postum veröffentlichte Album „Brian Jones Presents the Pipes of Pan at Joujouka“ (75 Euro). Das Gründungsmitglied der Rolling Stones war 1969 in einem Pool ertrunken. Bei „Brian Jones Presents The Pipes Of Pan Of Joujouka“ handele es sich um Weltmusik von sehr „mystischer Art und Weise“. Jones hatte dafür die Musik von marokkanischen Panflötenspielern in dem Dorf Joujouka aufgenommen.

Erfolgreich: Pink Floyd

Das absolut erfolgreichste Album beim Kasseler „Scheibenbeisser“ ist „The dark side of the Moon“ von „Pink Floyd“. „Das verkaufen wir wöchentlich“, so Dieter Höfker. Nach dem Erscheinen des Albums im März 1973 wurde es jahrelang in den internationalen Hitparaden aufgelistet. Mit bis zum Jahre 2008 über 50 Millionen verkauften Tonträgern wird es heute häufig als das drittmeistverkaufte Album nach Michael Jacksons „Thriller“ und „AC/DC“s „Back in Black“ ausgewiesen.

Begehrt: Rolling Stones

Er habe viele Lieblingsplatten, sagt Dieter Höfker. Dazu gehöre das Album „Aftermath“ von den „Rolling Stones“, das 1966 erschienen ist. „Das war meine erste Platte.“ Das Album, das erstmals nur Stücke von Mick Jagger und Keith Richards enthielt, bedeutete den musikalischen Durchbruch für die Band. Die Zeitschrift Rolling Stone wählte das Album in ihrer Liste der 500 besten Alben aller Zeiten auf Platz 109. Beim „Scheibenbeisser“ gibt es noch ein Original der Platte für 100 Euro.

Unbeliebt: Chris de Burgh

Es gebe Sachen, die sind einfach vorbei. Die werden nicht mehr nachgefragt, sagt Dieter Höfker. Bei solchen Ladenhütern handelt es sich beim „Scheibenbeisser“ zum Beispiel um Platten des irischen Sängers Chris de Burgh, der einst einen Hit mit „Lady in red“ hatte. Seine Platten sind für zehn Euro und weniger abzugeben. Dabei handele es sich um „sehr seichte Popmusik“. Viele Phasen der „BeeGees“ und Platten von „Barclay James Harvest“ gingen ebenfalls nicht mehr.

Teuer: Thurn und Taxis

Die teuerste Platte, die es beim „Scheibenbeisser“ gibt, stammt von Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Die mitunter schrille Adelige hat die Platte selbst besungen. Es war eine Einladung zu ihrer Geburtstagsparty im Jahr 1989. Das Cover für die Single hat der Pop-Art Künstler Keith Haring gestaltet. Dieter Höfker ist durch Zufall an diese besondere Einladungskarte gekommen. Der Preis? Der beruht auf einer Verhandlungsbasis, sagt er. Aber mindestens zwischen 2000 und 3000 Euro.

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